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Hjertelig velkommen til Norge! Erasmus+ Hospitation von Lehrkräften der Ernst-Reuter-Schule II an der Ruseløkka skole Oslo

Wie machen das eigentlich andere europäische Länder mit der Inklusion? – Dieser spannenden Frage wollten wir bei unserem Besuch in Norwegen nachgehen und bekamen die Gelegenheit, uns eine ganze Woche lang an einer Schule mitten in der Hauptstadt Oslo umzuschauen. Dabei erlebten wir verschiedene Unterrichtssituationen, führten Gespräche mit Schulleitung und Kolleg/innen, nahmen an pädagogischen Konferenzen teil und begleiteten die Schüler/innen am Schluss auch noch bei ihrem Skiausflug zum „Holmenkollen".

Das norwegische Schulsystem funktioniert ein bisschen anders als hier bei uns in Deutschland. Die Schüler/innen und Lehrer/innen haben aber im Grunde mit den gleichen Herausforderungen und alltäglichen Problemen zu kämpfen.

Von der 1. bis zur 10. Klasse besuchen alle Kinder in Norwegen gemeinsam die gleiche Schule. Die Grundschule („Barneskole") geht von Klasse 1-7 und in dieser gesamten Zeit (!) bekommen die Schüler/innen keine Noten, sondern nur schriftliche Bewertungen. Erst ab den Klassenstufen 8-10 („Ungdomsskole") werden Noten erteilt, wobei hier eine „6" die beste Note darstellt. Nach der 10. Klasse gibt es eine mündliche und schriftliche Abschlussprüfung. Ein Sitzenbleiben ist nicht vorgesehen und das Wiederholen einer Klasse ist – auch auf eigenen Wunsch hin – gar nicht möglich.

Nach Absolvieren der Pflichtschulzeit folgt die dreijährige – freiwillige – Schulzeitverlängerung auf einer weiterführenden Schulform („videregående skole"). Hierbei wird nur zwischen zwei verschiedenen Typen unterschieden: Schulen, die auf eine berufliche Ausbildung und Schulen, die auf ein Studium vorbereiten.

Da von Anfang an alle Kinder, auch diejenigen mit besonderem Förderbedarf, gemeinsam beschult werden (und das schon seit 1970!), liegt in Norwegen der Fokus auf individueller Förderung. Dabei wird die Gesamtpersönlichkeit des Kindes in den Blick genommen und die zentrale Frage lautet jeweils: Wie lässt sich die individuelle Situation jedes Kindes so optimieren, dass es möglichst viel von den Bildungsangeboten mitnehmen bzw. profitieren kann? Die Schulen sind außerdem interessiert daran, die Lernatmosphäre so stressfrei wie möglich zu gestalten. Oftmals beginnt der Unterricht erst etwas später (reicht dann aber in den Nachmittagsbereich hinein) und es gibt nur wenige Hausaufgaben. Großer Wert wird auf Soziales Lernen und gemeinsame Projekte gelegt.

Zum Personalstamm einer Schule gehören daher neben den unterrichtenden Lehrern und der Schulleitung auch Schulkrankenschwestern, Psychologen, Sozialpädagogen und Beratungskräfte unterschiedlicher Art. Sie sitzen sehr regelmäßig und mit erheblichem Zeitaufwand zusammen und sprechen über alle Kinder mit unterschiedlichsten Problemstellungen. Das Interessante: Die Lehrer bringen die „Fälle" der jeweiligen Kinder vorab schriftlich ein und geben z.T. dem Gremium auch eine kurze persönliche Vorstellung, die eigentliche „Hilfeplanung" findet dann aber ohne sie statt. Im Vordergrund stehen dabei Unterstützungsangebote, die Lernvoraussetzungen herstellen oder verbessern sollen und nur sekundär fachliche Unterstützungen (wie etwa Nachhilfe etc.). Der Gedanke dahinter ist, dass ein Kind überhaupt erst dann fachlich erfolgreich am Unterricht teilnehmen kann, wenn es ihm ausreichend „gut geht" und es stabil ist.

Sämtliche Diagnosen, die im pädagogischen Kontext gebraucht werden, werden in der Regel von Experten an außerschulischen Institutionen vorgenommen (besonderer Förderanspruch, Lese-Rechtschreibschwäche, Dyskalkulie, Autismus uvm.). Auch Beratungs- und Therapieangebote erfolgen dort. Der Austausch mit der Schule ist jedoch sehr eng und regelmäßig, immer wieder werden so getroffene Entscheidungen überprüft und ggf. angepasst. Es gibt an den Schulen auch speziell ausgebildete Förderschullehrkräfte. Diese sind aber nur punktuell mit im Unterricht, sie beraten eher die Lehrkräfte bei der Material- und Methodenauswahl und bieten Einzelförderstunden an.

Eine Ausnahme bilden die Kolleg/innen, die der „Basisgruppe" zugeordnet sind. In dieser Gruppe werden die Schülerinnen und Schüler der Förderschwerpunkts Geistige Entwicklung zusammengefasst betreut. Sie stammen aus ganz unterschiedlichen Jahrgängen, sind in verschiedenen Stunden auch in ihrer Stammklasse, werden aber überwiegend im Rahmen der „Basisgruppe" zu festen Zeiten intensiv und individuell gefördert und erhalten lebenspraktische Angebote.

Eine besondere Kooperation findet mit der Oper Oslo statt: Im Rahmen eines staatlichen Talentförderprogramms werden Schülerinnen und Schüler (tatsächlich in der Mehrzahl männliche) zu professionellen Balletttänzern ausgebildet. Ziel ist es dabei, die Schüler/innen so lange wie möglich im regulären Schulsystem zu halten, ihnen dabei aber den größtmöglichen Spielraum im Hinblick auf ihre Trainings- und Einsatzzeiten zu gewähren. Dies ist offenbar oftmals nicht nur tänzerisch gesehen ein Balanceakt…

Ein riesiger Vorteil bei den Ausgestaltungsmöglichkeiten individueller Förderung und Differenzierung ist natürlich die digitale Ausstattung der Schulen. Diese ist auf dem allerneuesten Stand, alle Schüler/innen verfügen über ein persönliches Endgerät in jeder Unterrichtsstunde und haben darüber auch Zugriff auf sämtliche Unterrichtswerke in differenzierter Form. Aus unserer Sicht gab es einen sehr gelungenen und für die Schüler/innen auch jeweils sehr klar strukturierten und transparenten Wechsel zwischen digitalen und analogen Arbeitsphasen sowie sehr praktisch und projektartig angelegten Angeboten.

Und obwohl im Klassenraum z.T. eine eher lockere Atmosphäre im Hinblick auf Verbote und Regularien herrscht (es darf jederzeit gegessen und getrunken werden, die Schüler/innen arbeiten auch mal in bequemer Haltung mit den Füßen auf dem Tisch, tragen beim Arbeiten Mützen oder Kopfhörer…), schien uns das an keiner Stelle ausgenutzt zu werden, wirkte undiszipliniert oder provokant, sondern trug vielmehr zu einem positiven, sehr entspannten – und sehr ruhigen – Arbeitsklima bei. Erstaunlich. 

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