Ernst-Reuter-Schule II

Gesamtschule der Stadt Frankfurt a. M.
mit inklusivem Unterricht
- eine Schule für alle -


Ein Mensch ist ein Mensch - Exil in Istanbul von 1938-1958
Frankfurter Interkulturelle Wochen 2016 - Zeitzeugengespräch mit Ingrid Oppermann an der Ernst-Reuter-Schule II am 16.11.2016

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Am Mittwoch, den 16.11.2016 besuchte Ingrid Oppermann die Klasse 8g von Frau Parker und anschließend die Klasse 7g von Frau Weth-Jürgens. Ingrid Oppermann erzählte den Schülerinnen und Schülern von ihrer außergewöhnlichen Lebensgeschichte. Ihr Vater der Physiker und Astronom, Wolfgang Gleissberg, wurde 1933 aufgrund des Gesetzes „zur Wiederherstellung des deutschen Beamtentums“ entlassen, weil er einen jüdischen Großvater hatte.

Die in der Schweiz gegründete „Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland“ ermöglichte ihm die Auswanderung in die Türkei und vermittelte ihn an eine Stelle als Professor für Astronomie in Istanbul. In dieser Zeit holte Mustafa Kemal Atatürk viele ausländische Wissenschaftler ins Land, denn er wollte die Universitäten nach westlichem Vorbild reformieren. Frau Oppermann erzählte den Kindern, dass ihr Vater Glück hatte, denn viele andere Wissenschaftler, die ins Ausland flüchteten, mussten sich mit Tagelöhnerarbeit ihr Überleben sichern. Wolfgang Gleissberg konnte in seinem erlerntem Beruf arbeiten, forschen und Geld verdienen. Viele seiner Verwandten, die Deutschland nicht mehr verlassen konnten, wurden in Konzentrationslagern ermordet. Der Bruder floh nach England und die Mutter überlebte, in einem Kloster in Breslau versteckt.

Die türkische Regierung bot in dieser Zeit vielen deutschen Wissenschaftlern Zuflucht und schätzte ihre Arbeit. Die einzige Auflage an die deutschen Immigranten war, dass sie innerhalb zwei Jahren Türkisch lernen, auf Türkisch unterrichten und Lehrbücher in türkischer Sprache verfassen sollten. Wolfgang Gleissberg lernte Türkisch innerhalb von 10 Monaten und später war er an einer Sprachkommision der türkischen Regierung beteiligt, die im Fach Astronomie alte osmanische Ausdrücke mit neuen türkischen ersetzte.

Wolfgang Gleissberg konnte seine Verlobte 1934 nachholen und heiraten. 1938 kam die Tochter Ingrid auf die Welt. Ingrid Oppermann erzählte den Kindern, dass die Eltern, die beide evangelisch waren, nicht kirchlich heiraten konnten, weil der Pfarrer ein Nationalsozialist war und einen Ariernachweis verlangte. Auf die Taufe wollten die Eltern jedoch nicht verzichten, so wurde Ingrid „mit 5 Jahren in einem englischen Bibelhaus (.....) von einem englischen, anglikanischen Pfarrer in Anwesenheit eines französischen Professors als Taufpaten mit einer türkischen Bibelübersetzung, evangelisch getauft“. Ingrid Gleissberg wuchs „mitten im alten Istanbul“ in einer international geprägten und offenen Atmosphäre auf, Nach ihrem Abitur ging sie zum Studium nach Deutschland. Ihr Vater wurde Leiter des Astronomischen Instituts in Frankfurt, die Tochter studierte Musik und wurde Musiklehrerin.

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Die Zeit in der Türkei habe sie wesentlich geprägt, erzählt Ingrid Oppermann den Schülerinnen und Schülern: „Bis heute macht es für mich keinen Unterschied, zu welcher Kirche jemand geht oder welche Sprache er spricht. Ein Mensch ist ein Mensch.“ Für sie mache es keinen Unterschied, ob sie Türkisch oder Deutsch spreche, denn sie hat beide Sprachen gleichzeitig gelernt. Ingrid Oppermann fühlt sich in beiden Ländern zuhause und reist heute noch regelmäßig in die Türkei.

Die Schülerinnen und Schüler hörten gebannt zu und stellten viele Fragen. Die Begegnung in der Klasse 8g endete mit einem Klavierspiel, das Frau Opperman auf Wunsch eines Schülers gab und in der Klasse 7g beeindruckte Frau Opperman mit ihren Kenntnisse der türkischen Küche.

Im Rahmen der Frankfurter Interkulturellen Wochen war Ingrid Oppermann an mehreren Schulen zu Gast. Organisiert wurden die Gespräche von dem Projekt jüdisches Leben in Frankfurt mit Unterstützung der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung. Frau Ghamsharick, die vom HKM beauftragt ist, den Kontakt zwischen Schulen und Zeitzeugen zu unterstützen, war ebenfalls anwesend. Solche Gespräche haben für das Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt einen ganz besonderen Stellenwert: „ Die Biografie von Ingrid Oppermann beleuchtet ein besonderes Kapitel in der Geschichte der deutsch-türkischen Beziehungen und die persönliche Begegnung macht Geschichte greifbar.“ Für die Ernst-Reuter-Schule II ist diese Begegnung mit Frau Oppermann von besonderer Bedeutung, da der Namensgeber der Schule ein berühmter und bedeutender Türkei Emigrant ist.

Autorin: Gretel Ghamsharick